Warum ich mir keinen Druck mehr mache (und du das auch nicht tun solltest)

September 13, 2017
Wenn ich eines in den letzten Wochen gelernt habe, dann das, dass alles sein darf. Es nimmt so viel Druck von meinen Schultern und ich kann zulassen was jetzt gerade ist. Aber warum setzen wir uns meist selbst so unter Druck? Warum können wir nicht einfach vertrauen und schauen, wohin das Leben uns führt?
Ich habe in den letzten Monaten immer wieder diesen immensen Druck gespürt: Arbeitslos zu sein ist in unserer Gesellschaft (natürlich) kein erstrebenswerter Zustand und eine ganze Zeit lang fühlte ich mich schlecht. Ich kann doch nicht einfach „auf der faulen Haut“ liegen und vom Amt finanziell unterstützt werden… oder doch?
Heute denke ich mir: Doch! Ich habe schließlich auch 3,5 Jahre für diese 12 Monate Unterstützung gearbeitet und eingezahlt. Ich sehe es als das, was es ist: Eine Versicherung, die einspringt, wenn der Fall der Fälle eintritt. So und nicht anders. Ich lasse mich auch nicht unter Druck setzen von Sprüchen wie: „Sie wollen doch keine Lücke im Lebenslauf“… „Nicht, dass Ihnen noch ein Motivationsproblem vom nächsten potentiellen Arbeitgeber unterstellt wird!“ Jaa, solche Sätze konnte ich mir anfangs anhören, sie verunsicherten mich natürlich! Heute denke ich: What the fuck! Sorry, aber wenn es irgendeinen potentiellen Arbeitgeber in der Zukunft geben wird, dann stellt er mich hoffentlich genau DESWEGEN ein! Weil ich eben meinen Werten treu geblieben bin und das gemacht habe, was ich als richtig empfand.
Ich habe es satt mich klein zu machen für andere und dafür meine Werte und Ideale zu verraten! Ich möchte mein Leben selbst gestalten, so wie ich es mir wünsche und dabei lasse ich mich nicht unter Druck setzen– no way!
Leider hatte ich dabei die Rechnung ohne meinen eigenen Verstand gemacht…
Der fängt natürlich kräftig an zu rebellieren, wenn eine Situation ansteht, die Unsicherheit verspricht. Denn dann greifen die Urängste, die jeder von uns in sich trägt. Jeder hat nämlich Angst davor, durch seine Andersartigkeit ausgestossen zu werden. Und ausgestossen zu werden beutete in der Urzeit den sicheren Tod (wegen der Säbelzahntiger und so). So funktioniert unser Gehirn noch heute, deshalb spielt unser Verstand uns diese Streiche und Gedanken wie: „Never ever, ich kann meinen Job nicht kündigen, das ist nicht so einfach!“ sind an der Tagesordnung und werden unreflektiert als die Wahrheit übernommen. Der unliebsame Job wird dann weitergeführt, obwohl die leise Stimme immer lauter wird. Wenn sie nicht gehört wird und man seine eigenen Werte verrät (d.h. komplett gegen das arbeitet, was man als wichtig und wertvoll erachtet- Ehrlichkeit, Wertschätzung, Freundlichkeit, Mitgefühl etc.), wird man irgendwann – früher oder später – krank. Das ist vorprogrammiert.
Darüber hinaus ist es in unserer Leistungsgesellschaft ein absolutes No-Go, einfach aus dem Job auszusteigen. Wenn das Ding ein Schild um den Hals hat mit dem Wort „Sabbatical“, DANN ist es natürlich wieder etwas anderes. Aber einfach so, ohne etwas neues (festes) in Aussicht zu haben? Das geht doch nicht! Da zerreissen sich die Nachbarn die kleinen Tratsch-Mäuler („Oh, was macht Annemarie denn eigentlich gerade- arbeitet sie nicht?“ „Nein, die lebt sich gerade kreativ aus!“)

Wenn man sich länger mit dem Thema Jobausstieg beschäftigt, dann kommt man im Internet auf zahlreiche Marketing-Gurus, die einem alle ihre Kurse verkaufen wollen. Man kann von ihnen lernen, wie man sich ein Online-Business aufbaut und günstige Produkte teuer weiterverkauft (ähhh nein!) oder was es da noch alles gibt. Ich habe mich da auch eine ganze Zeit von mitreissen lassen, aber das ist doch auch voll gegen meine Werte! Nur, damit ich ein Einkommen habe, dass daher rührt, dass Billigprodukte teuer an den Mann oder die Frau gebracht werden? Wie bin ich da bitte im Einklang mit mir und der Natur? Ist das erstrebenswert? Nicht für mich.
Bestimmt gibt es auch bessere Kurse für den Aufbau eines Online-Businesses, aber ich habe gemerkt, dass mich das alles unter Druck setzt. Auch diejenigen, die einen Podcast gestartet haben und nach 2 Folgen bereits gefühlte 70000 Bewertungen haben. Klar setzt mich das unter Druck und automatisch zweifle ich an mir und dem, was ich mache. Ohne andere Podcasts kritisieren zu wollen: Es geht dabei darum, dass ich mir Zeit nehme für meinen – authentischen – Weg und hoffe, dass es langfristig und für mich so besser funktioniert.

Mit all diesen Stimmen, laut oder leise, hatte ich in den letzten Monaten und Wochen zu kämpfen. Aber dann las ich folgendes: „Alles darf sein!“ Ich adaptierte den Satz auf meine Situation und habe einfach zugelassen, dass ich gerade nicht weiß, wohin es für mich gehen soll. Dass ich eben nur einen vagen Plan für die nächsten Wochen habe und noch absolut nicht weiß, was z.B. in einem halben Jahr ist. Ich übe mich darin, Mitgefühl für mich zu hegen. Ich meine, zu einer mir wichtigen Freundin würde ich doch auch nicht sagen: „Komm, jetzt stell dich mal nicht so an. Du setzt dich jetzt an deinen Schreibtisch und lässt dir gefälligst etwas einfallen! Du kannst doch nicht keine Idee haben, die dein Lebensunterhalt in den nächsten Monaten sichert. Du MUSST jetzt einen Plan entwickeln! Jetzt SOFORT.“
Ich nehme mir bewusst Zeit für mich. Alle jetzt so: „Ach du Schreck! Wie kann sie so etwas tun?“
Meine Oma meinte vor einiger Zeit: Arbeitslos sein UND kein Kind haben, das ginge ja mal gar nicht klar 😀
Sie denkt nicht, dass genau das meine Situation beschreibt. Und ich weiß, dass meine Oma das absolut nicht böse meint. Sie ist so ganz anders groß geworden als ich und hat ganz andere Werte mit auf den Weg bekommen.
Zwei Fragen habe ich für mich aus dem Gespräch mit meiner Oma mitgenommen:
1. Ist es wirklich so, dass wir Frauen nur einen Grund haben, mal eine Auszeit von unserem Job zu nehmen, nämlich ein Kind? Und haben wir dann wirklich Zeit für uns? 
Ich komme immer mehr dahinter, dass wir alle NIE Zeit für uns haben, denn immer wollen wir etwas erreichen: Abitur, Studienabschluss, Traumpartner, Kinder, Haus, Auto, nächste Karrierestufe. Doch NIEMALS setzen wir uns eine Auszeit, denn dafür ist einfach keine Zeit vorgesehen. Schnell arbeiten wir in einem 9-5 Job und haben Haus und Familie. Versteh mich nicht falsch, es ist eine schöne Vorstellung, aber viele von uns haben genau das, bevor sie sich selbst gefunden haben. Dann gibt es nämlich 1000 andere Aufgaben und Verantwortungen und wir verlernen es einfach, wir selbst zu sein und verwerfen ganz schnell frühere Träume.
und
2. Kann es sein, dass wir uns ganz oft nicht erlauben, Zeit für uns zu haben, weil wir so konditioniert wurden (immer irgendwas zu tun) und zwar nicht nur von unseren Eltern, sondern schon von vielen Generationen davor?
Wir und unsere Eltern, unsere Großeltern, sogar unsere Urgroßeltern wurden darauf konditioniert, dass das Leben hart sein muss. Es muss richtig schmerzen, man muss sich richtig den Allerwertesten aufreißen, damit man sich etwas aufbauen kann. Sicherlich war es auch teilweise so, aber wenn man sich die Erziehungsgeschichte ansieht, dann war doch auch richtig viel Mist bei. Entschuldigung, dass ich das so sagen muss, aber googelt doch mal Johanna Haarer. Fruchtbar! Das Schlimme ist, dass diese Erziehungsmethoden bis zu unserer Kindheit noch für richtig empfunden wurden! Da ist es doch kein Wunder, dass wir uns wenig erlauben und irgendwie immer „auf Zehenspitzen unterwegs sind“ und uns klein halten oder?
Jetzt komme ich um die Ecke und sage: Alles darf sein! Du darfst auch mal keinen Bock auf dein Leben, so wie es ist haben! Du kannst dich auch mal gehenlassen und nicht arbeiten bis in die Puppen! Du darfst auch mal keinen Plan haben für mehrere Monate und nur das machen, was dich glücklich macht (…erwähnte ich schon, dass sich der weitere Weg ergeben wird, wenn du deinem Ruf folgst?)!
Meine Güte, es ist dein Leben!
Ich musste mir auch anhören, dass „bald gar keiner mehr arbeiten will, wenn das jeder so machen würde“ (wie ich) Nett oder?
Diese Sachen prallen an mir ab. Ich höre auf mich und meine Bedürfnisse. Ich konzentriere mich auf mein Stärken und Schwächen und versuche, der Welt damit zu dienen. Ich spende, trotz meiner finanziellen Situation, jeden Monat etwas für wichtige Projekte und arbeite daran, mir mein Leben so zu gestalten, wie ich es möchte. Seit ganz vielen Jahren hängt ein Spruch bei mir an der Wand: Live the life you love. Schöner Pinterest-Spruch, ich weiß. Und die „Realisten“ unter uns sagen jetzt wieder: „Wenn das mal so einfach wäre!“ Sorry, aber ich habe keinen Bock auf diese Ausreden. Denn ich weiß, dass jeder sich sein Leben so gestalten kann, wie er es möchte. Klar, geht das nicht von heute auf morgen. Aber auch in Mini-Schritten lässt sich etwas Großes erschaffen.
Schreib mir gerne, wo du gerade stehst, ich freu mich darauf!
Let your heart be your compass,
Annemarie

Photo by Myles Tan on Unsplash

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10 Comments

  • Reply Lisa September 13, 2017 at 1:31 pm

    Liebe Annemarie, geil, einfach nur geil. Was ein toller Text! Hätte, sollte, könnte, müsste sind Wörter, die ab sofort aus unserem Wortschatz gestrichen werden sollten! Meine Güte, ja, es ist DEIN Leben, MEIN Leben, lass es uns so schön machen wie wir es haben möchten und nicht so perfekt, wie irgendjemand meint es haben zu müssen. Böhm 🙂

    • Reply Annemarie September 13, 2017 at 6:17 pm

      Liebe Lisa,
      ich danke dir und ja, die Wörter sollten wir streichen! Du bist ja schon auf einem guten Weg dahin- ein schöner Blog & tolle Themen!
      Viele Grüße von der (stürmischen) Ostsee

  • Reply Nora September 13, 2017 at 5:18 pm

    Toll! Deine Worte haben gerade sehr gut getan. Danke für deine Ehrlichkeit. Du hast so recht und ich weiß das und trotzdem sitzt da dieses Teufelchen auf meinen Schulter und macht mir Druck. Dabei will ich doch nur eines: Atmen.
    Auf die Findung! Auf die Arbeitslosigkeit.

    • Reply Annemarie September 13, 2017 at 6:14 pm

      Liebe Nora,
      gerne! Das ist jedes Mal wieder ein neuer Fight mit dem kleinen Teufelchen, aber ich glaube, es wird von Mal zu Mal etwas besser, wenn wir uns diese Dinge, die wir ja eigentlich wissen, wieder bewusst machen. Haha ja: Auf die Arbeitslosigkeit! Das klingt cool 😉
      Wir haben ja schließlich im Durchschnitt nur 29000 Tage in unserem Leben zur Verfügung! Alles Liebe, Annemarie

  • Reply Susanne September 14, 2017 at 8:09 am

    Liebe Annemarie,
    dein Blogartikel geht mir zu Herzen. „Ich habe es satt mich klein zu machen für andere und dafür meine Werte und Ideale zu verraten! Ich möchte mein Leben selbst gestalten, so wie ich es mir wünsche“ Tausend Dank für diesen Satz, er löst so Vieles in mir aus. Ich bin in einer anderen Situation, „nur“ Mutter und Hausfrau aber soll ich dir was sagen? Ich liebe es. Und ich gebe dir Recht. Unsere Gesellschaft wurde immer auf arbeiten (möglichst hart versteht sich), tun und machen getrimmt. Deshalb versuche ich, mir meine Vormittage für mich zu nehmen, wenn beide in der Schule und im Kindergarten sind. Oft geht es ganz gut und ich tue Dinge, die mein Herz erfüllen und dann wieder nur Pflichten.
    Ich danke dir für deine Zeilen und wünsche dir alles erdenklich Liebe und Gute und den Mut, weiter deinem Herzen zu folgen.
    Susanne

  • Reply Michaela September 14, 2017 at 8:26 am

    Liebe Annemarie!

    Folge deinem Herzen, du bist auf dem einzig richtigen Weg! Dein Text ist so schön und gleichzeitig so traurig wahr.
    Mir ist die letzten Jahre aufgefallen, dass so viele Leute immer wissen, was gut für mich ist – traurigerweise fragt mich aber
    niemand, was ich mir wünsche und was ich gerne möchte. Inzwischen muss ich schon fast drüber lachen…
    Kein anderer weiß, was dich glücklich macht und gleichzeitig bist auch nur du für dein Glück verantwortlich.
    Das ist die andere Seite der Medaille. Wenn man dies erst einmal erkannt hat und volle Eigenverantwortung für sein Leben und Glück übernimmt, kann’s nur noch voraus gehen. Und diesen Weg hast du bereits eingeschlagen. Das finde ich super!

    Liebe Grüße & viel Kraft – deine Michaela.

    • Reply Annemarie September 19, 2017 at 3:42 pm

      Liebe Michaela,

      Danke für deine lieben Worte. So schön zu lesen, dass du so eine Entwicklung durchgemacht hast und dir erlaubst, du selbst zu sein und selbst zu wissen, was für dich richtig ist. Echt toll. Ganz viele leben ja auch oft nur für andere (Partner/Kinder etc.). Das kann nicht langfristig von innen heraus glücklich machen. Ich wünsche dir alles liebe für deinen weiteren Weg und hoffe, wir lesen uns mal wieder 😉

      Annemarie

  • Reply Nina September 14, 2017 at 8:37 am

    Liebe Annemarie,
    danke für deine Worte ! Du sprichst mir aus der Seele mitten ins Herz! Ich befinde mich aktuell in einer ähnlichen Situation. Möchte unbedingt aus meinem Job raus, in dem ich mich seit Jahren quäle. Habe den großen Wunsch mich selbständig zu machen aber auch ganz bald Familie zu gründen. Gerade erst habe ich den Schritt gewagt ein Haus zu sanieren und somit ist natürlich immer diese Stimme im Hinterkopf „kannst du einfach kündigen? kannst du dir das finanziell leisten? ist es ok Arbeitslosengeld oder Förderung zu beziehen (alleine diese Frage ist nach 19 Jahren Berufstätigkeit eigentlich lächerlich) ? geht das dann auch mit deinen Wünschen von Familienplanung überein? bist du nicht schon zu alt? …bla bla bla“ und das alles mit Mitte 30 – also in dem Alter, in denen bei eigentlich fast allen Menschen in meinem Umfeld alles schön geregelt abläuft. Aber das bin eben nicht ich, bei mir lief es in den letzten Jahren einfach nicht rund, es war sehr viel im Umbruch, es gab so viele schmerzliche Verluste die mein Leben auf den Kopf gestellt haben und jetzt – endlich nach all den Jahren – bin ich mir selbst näher als je zuvor und möchte das auch leben dürfen. Meine Entscheidung ist gefallen und JA – es darf alles sein! Lass uns leben – unser Leben, nach unseren Vorstellungen. In den nächsten Wochen wird sich bei mir sehr viel ändern aber dieses mal weil ich es möchte und mein Leben selbst gestalte. Freue mich auf weitere Beiträge von dir und wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Liebe!

    • Reply Annemarie September 19, 2017 at 3:28 pm

      Liebe Nina,

      vielen Dank für dein Feedback! Ja, ich glaube so geht es einigen Frauen unter uns. Höre auf dich und deine Bedürfnisse, denn es ist dein Leben und niemand anderes darf sich dazu ein Urteil erlauben. Ich bin gespannt, wie es sich bei dir entwickelt. Bei mir war es so, dass ich total entspannt war, nachdem die Entscheidung endlich fiel. Bis dahin war einfach nur Chaos in meinem Kopf. Aber ich habe es nie bereut!!
      Auch dir alles alles Liebe für deinen Weg! Es kann einfach nicht verkehrt sein, wenn du deinem Ruf folgst!
      Annemarie

  • Reply nicole September 14, 2017 at 6:14 pm

    ein liebes hallo annemarie, deinen text habe ich heute morgen entdeckt (mit kaffee und himbeermarmeladenbrötchen im bett, den urlaub geniessend) und ich unterschreibe ihn sofort, so wie er ist.
    er ist schön und macht nachdenklich zugleich.

    sei lieb gedrückt von mir und einen extra lieben gruss an unseren „haarigen, vierbeinigen enkel“ 😉
    nicole

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