Warum ich mir manchmal mein altes Leben zurückwünsche

Februar 5, 2018
Manchmal frage ich mich, wann es eigentlich anfing, dass ich plötzlich mein Leben als Ganzes in Frage stellte. Wann habe ich aufgehört, ein „normales“ Leben zu führen? Wann angefangen, alle diese Podcasts zu hören und Bücher zu lesen. Was habe ich davor getan? War es besser, als ich weniger wusste?

Besonders in den Momenten, wo ich nicht weiter weiß, stelle ich mir diese Fragen. Ich erinnere mich an eine Zeit, wo alles so fix, so vermeintlich sicher war. Ich hatte einen ganz normalen 40-Stunden-Job, wie fast alle in meinem Alter, hatte ein Auto (+Kredit) und war mit meinem Freund in ein Haus (zur Miete) gezogen. Am Wochenende ging ich aus, traf mich mit Freunden, auf Urlaube fieberte ich hin. Der Job war ok, ich musste nicht zu viel machen und dümpelte nach den ersten aufregenden Jahren dort so ein bisschen vor mich hin- den Status hatte ich mir schließlich erarbeitet. Klar, manchmal, wenn ich auf einen Blog stieß, der von der Freiheit erzählte, von Reisen und selbstständigen Arbeiten, da keimte in mir ein kleines Feuer (oder sagen wir Flämmchen) auf, das aber nach dem Schließen des Browserfensters schnell wieder erstickte. Ich verbuchte es unter „unmöglich“. Mein Leben war okay. Es gab eben keine großen Ausschläge nach oben oder unten- das heißt „okay“. So okay, wie eben ein Leben Anfang 30 sein kann. Aber war es richtig erfüllt? Mit Begeisterung und Freude, Leidenschaft und Dankbarkeit?
Nein.
All das bekam ich im Tausch gegen mein altes Leben.
In den dunklen Momenten, die es auf jeden Fall immer gibt und die auch wichtig sind, wünsche ich mir mein altes, „normales“ Leben zurück. Denn das neue stellt alles in Frage. Mein neues Ich muss immer alles beleuchten, aus der Sicht des „großen Ganzen“. Ich kann nun nicht mehr für ein Unternehmen arbeiten, deren Produkte oder Dienstleistung ich nicht zu 100 % vertrete. Ich kann meine Zeit nun nicht mehr „vertüddeln“- ich brauche Sinn. Sinn in so gut wie allem was ich tue. Ich vermeide es, meine Klamotten bei H&M, Zara & Co. zu kaufen, laufe fast ausschließlich ohne Make-Up herum und esse keine Tiere mehr. Das Auto, das Haus- alles weg. Nur mein Freund, der ist mir zum Glück noch geblieben 😀
War der Preis zu hoch? Lohnt es sich, gegen den Strom zu schwimmen? Verständnislose Blicke zu ernten und Kommentare wie: „Du hast doch studiert!“. Manchmal vermisse ich es, einfach unter dem Radar zu sein. Einen normalen Job zu haben, nicht alles analysieren zu müssen, nicht das 17. Buch auf meinem Bücherstapel für „noch lesen“ zu legen, richtig Feierabend zu haben und mal sinnfreie Dinge zu tun.
Doch dieses alte Leben war nur eine Hülle. Sie war nicht gefüllt und ich hatte keine Ahnung, was ich noch alles entdecken könnte. Diese Erfüllung habe ich gefunden: Antworten auf die richtigen Fragen. Meine Definition von Sinn. Ich habe gelernt, meine Gedanken zu beobachten, ich habe die unglaubliche Bedeutung von Dankbarkeit im Leben verstanden, ich weiß jetzt, dass unser Leben nicht nur für uns da ist, sondern dass wir es nutzen sollten für andere. Das ist es, was uns alle Erfüllung bringen kann. Dafür lohnt sich der Tausch und alle diese Dinge mache ich mir in dunklen Momenten wieder bewusst.
„A mind that is stretched by new experience can never go back to its old dimensions.“
– Oliver Wendell Holmes –

Photo by Yousef Espanioly on Unsplash

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